Anekdoten über drei große Lehrer
Mit lauter Stimme rief einer der Dorfältesten eine Anordnung des Dorfoberhauptes aus, nach der sich alle jungen Männer auf dem Dorfplatz versammeln sollten. Solche Versammlungen wurden nur selten abgehalten und daher konnte das nur bedeuten, dass der Vorsteher des Dorfes Azato, Herr Azato Yasutsune, etwas von größter Wichtigkeit mitzuteilen hatte.
Meister Azato war als unvergleichlicher Krieger bekannt: er beherrschte den Stockkampf, den Schwertkampf und das Reiten – wirklich alle Kampfkünste. Unter den Männern, die mit großem Respekt auf ihn blickten, war auch der große Karate-Meister Itosu Yasutsune.
Mit einem solchen Vorbild vor Augen, war es für die jungen Leute des Dorfes nur natürlich, sich an den Kampfkünsten zu versuchen. Jeden Tag nach getaner Arbeit übten sie auf dem Dorfplatz Sumô. Dort wurden auch Gewichtheberwettbewerbe und das Stockkampftraining abgehalten. Im abendlichen Dämmerlich zischte die Luft über dem Platz unter den Kurz- und Langstockhieben der Jungen. Streitigkeiten und Auseinandersetzungen unter den Halbwüchsigen waren keine Seltenheit und wenn sie mit ihrem Mut allzu sehr prahlten, führte das unweigerlich auch zu ernsthaften Kämpfen. Da man auf diesem Platz wertvolle Erfahrungen sammeln konnte, war man stolz darauf, wenn man häufig dort anzutreffen war.
Wer sich da versammelte, konnte sich durchaus sehen lassen: Die Jugendlichen waren durchweg kräftig gebaut.
Als Meister Azato mitgeteilt wurde, dass alle anwesend seien, trat er völlig gelassen nach vorn.
Man erzählte sich, dass, wenn er ärgerlich wurde, seine Augen selbst einen Tiger dazu brachten, sich zu ducken. Heute lächelte er gut gelaunt, als er sagte: “Zunächst möchte ich euch allen für euer Kommen danken. Rückt bitte näher, da ich etwas mitzuteilen haben, das ihr alle hören sollt. Es ist wichtig, dass ich es auch allen sage. Seid ihr sicher, dass niemand fehlt?“
Langsam betrachtete er die Gesichter um sich herum und sagte: „Noch einen Moment, es scheint jemand zu fehlen. Wer kann das sein?“
Einer meldete sich: „Ja Herr, alle sind hier, jedenfalls alle, die sich bewegen können. Kinjô Jirô ist nicht hier, da er das Bett hüten muss.“
„Oh das macht nichts. Ich bestehe darauf, dass er gleichfalls anwesend ist. Wenn er nicht gehen kann, nehmet meine Sänfte, um ihn herzuholen.“
Zwei der Männer sprangen auf du machten sich mit der Sänfte auf den Weg. Ungeachtet der Protestschreie Jirô kamen sich schon bald mit ihm zurück. Langsam kroch er aus der Sänfte, ein junger Bursche, in Verbände gehüllt, selbst sein Kopf war in ein weißes Tuch gewickelt. Trotz seiner offensichtlichen Muskelkräfte wirkte er recht teilnahmslos und niedergeschlagen. Die jungen Männer, die sich auf den Weg gemacht hatten, um ihn zu holen, griffen Jirô unter die Arme, ließen aber von ihm ab, als er vor Schmerzen aufschrie.
Meister Azato, der die Szene mit breiten Grinsen beobachtet hatte, sagte mit gedämpfter Stimme: „Was ist den los, Jirô, gestern Abend warst du noch so draufgängerisch und wild?“
Jirôs Augen weiteten sich überrascht. Diese Stimme! Er hatte diese kräftige, tiefe Stimme schon einmal gehört…Sie jagte ihm Schauer den Rücken hinunter und wirkte wie ein Schlag in die Magengrube. „Meister,…?“ „Hast du Schmerzen? Vielleicht war die Medizin ein bisschen stark. Aber höre Jirô, du bist nicht der einzige, der Schmerzen empfindet, nachdem er getroffen wurde. Du musst die Schmerzen kennen, die andere fühlen. Du kannst von Glück sagen, dass ich es war. Wenn es jemand wie Meister Itosu gewesen wäre, wärst du für den Rest deines Lebens ein Krüppel. Ich bin sicher, dass du von dem Säufer gehört hast, dem die Faust zerquetscht wurde, als er versuchte Itosu anzugreifen.“ „Als es sich hier herumgesprochen hatte, dass am Pinienwäldchen arglosen Passanten aufgelauert wird, wollte dort nach Einbruch der Dunkelheit schon niemand mehr hingehen. Und, das Ziel unserer Kunst besteht nicht darin andere niederzuschlagen oder zu verletzten. Unsere einzige Absicht ist es, uns selbst voranzubringen. Ich möchte, dass alle gut zuhören, da mir scheint, dass Jirô nicht der Einzige ist, der hier etwas falsch versteht. Die größte Schande für einen Samurai ist es sich durch Übereifer und Ungestüm zu vorschnellen Handlungen hinreißen zu lassen. Bevor ihr an anderen eure Fäuste erprobt. Sollt ihr erst mal euren Geist und euer Herz bessern.“
Mit väterlicher Strenge sprach das Dorfoberhaupt zu den jungen Männern und dabei strahlten seine Augen in mütterlicher Fürsorge. Nach seiner Ansprache, heißt es, habe die Rüpelei und rohe Gewalt unter den Jugendlichen sofort und endgültig aufgehört.
Als Meister Azatos Sohn und ich unter Meister Itosu studierten, stand ich jeden Morgen auf, als es noch dunkel war und ging die vier Kilometer zu Itosus Haus. Wenn ich nach Ende der Übung heimkehrte, standen die anderen Leute gerade auf. Dies tat ich gewissenhaft, tagaus tagein, zehn Jahre lang und mir wurden in dieser Zeit die drei Tekki Katas gelehrt, die Meister Itosus Spezialität waren. Ich befasste mich mit jeder Einzelnen mehr als drei Jahre, obwohl man nur etwa Zwanzig bis dreißig Minuten braucht, um sich ihre Bewegungen einzuprägen. Dies veranschaulicht die Sorgfalt, die die Unterweisung in alten Zeiten prägte. Selbst Itosu sagte für gewöhnlich: „Die am einfachsten zu erlernende Katas sind die Tekkis, aber die Tekkis sind zugleich auch die am schwierigsten zu erlenenden Katas.“
Itosu hatte eine natürliche Begabung für Karate Dô. Es heißt, dass er die fünf Heian Kata schuf. Er pflegte zu sagen:“Wenn man getroffen wird und keinen Schmerz verspürt, braucht man auf die Schläge nicht zu achten.“ Tatsächlich war es so, dass die Schläge, die er einstecken konnte, fast jeden anderen zu Boden gestreckt hätten.
Dies stand in scharfem Gegensatz zu Azatos oft zitiertem „Betrachte deine Hände und Füße als Schwerter.“
Wenn er getrunken hatte, sagte er gern zu den jüngeren Schüler: „Also gut, ich werde mich nicht bewegen. Kommt und versucht eure Angriffe. Ihr könnt überall hinschlagen, außer auf meine Nasenspitze.“ Mit einem Lachen fügte er hinzu:“Das ist die einzige Stelle, die ich nicht fester machen kann.“ Es gab auch noch eine andere Sache, auf die er sehr achtete. Wenn er durch die Nacht ging, steckte er seinen langen Bart in die Oberbekleidung. Er war sehr stolz auf seinen Bart, gestand aber gutmütig ein: „Ich würde es nicht dulden, dass man ihn anfasst.“ Ungeachtet seiner großen Kraft und seiner erstaunlichen Fertigkeiten war er immer darauf bedacht, seine Kunst zu verbessern. Oft zeigte Azato Neugier und Bewunderung für die fürchterliche Kraft von Itosus Faust. Einmal, nachdem die beiden miteinander getrunken hatten, beschlossen sie, das Haus eines Bekannten zu besuchen. Als sie ankamen, stellten sie fest, dass das große Hoftor von innen verschlossen war. Zunächst dachten sie, dass wohl niemand zu Hause sei, doch dann vernahmen sie von drinnen den Lärm eines lebhaften Trinkgelages. Ganz gleich, wie laut sie auch klopften, niemand bemerkte ihre Ankunft.
Schließlich sagte Meister Azato:“Itosu, das ist wohl hoffnungslos. Sollten wir nicht nach Hause gehen?“ Aber Meiste Itosu antwortete, „Warte mal. Ich werde das Tor öffnen.“
Das Trinken hatte ihn wohl nicht dazu animiert, aber, wie es scheint, seine natürlichen Hemmungen gegen die Zerstörung von Eigentum herabgesetzt. Er trat näher ans Tor, stieß er einen gewaltigen Kiai aus und sofort war in der achtzehn Zentimeter starken Holzwand ein faustgroßes Loch zu sehen. Itosu zog seine Faust zurück, griff dann nach innen, hakte die Sperre aus und die beiden Karate-Meister gingen lässig durch das Tor. Azatos einzige Bemerkung war: „Fantastisch, diese Faust.“ Er muss tief beeindruckt gewesen sein, da er dich Geschichte so oft erzählte.
Es gibt eine Geschichte über Matsumura Sensei, einen der größten Karate-Experten aller Zeiten, wie er einen gewissen Uehara im Kampf ohne einen einzigen Schlag besiegte. Die Erzählung klingt schon fast ein wenig nach einer Legende, aber ich möchte sie dennoch nicht vorenthalten.
„Seid ihr nicht Matsumura Sensei?“, fragte der Kunstschmied Uehara den jungen Mann, der seinen Laden betreten hatte, um die Metallenden seiner Tabakpfeife auswechseln zu lassen. Uehara, ein Mann in den besten Jahren, war vielleicht zwei- oder dreiundvierzig. Er hatte eine gesunde Gesichtsfarbe, kühne Augenbrauen und eine breite Stirn. Bläulich-grün schimmerte sein frisch rasierter Kopf. Er hatte einen wahren Stiernacken. Unter seinen Kleidern verbargen sich mit Muskeln bepackte Schultern, eine gewaltige Brust und kräftige, muskulöse Arme. Das Überraschende an ihm waren seine sanften Kinderaugen, die von Fältchen in den Augenwinkeln umrahmt wurden, als er sich an seine Arbeit machte und dabei seinen Besucher anlächelte.
Dieser schien sieben- oder achtundzwanzig Jahre alt zu sein, jedenfalls nicht über dreißig. Seine scharfen, stechenden Augen hatten einen durchdringenden Blick. Er war groß, wahrscheinlich um die ein Meter achtzig, und auffallend hager. Eine unergründliche Energie ging von seinem schlaksigen Körper aus, aber die fahlgrüne Blässe seiner Haut ließ auf eine Krankheit schließen.
Um seine Stirn schien ein unbestimmter Schatten zu liegen. Seinem Äußeren nach zu urteilen, war er aus gutem Hause. Das würdige Flair eines Regierungsbeamten umgab ihn.
Als er nach seinen Namen gefragt wurde, machte er ein böses Gesicht, zog die Augenbrauen zusammen und fragte knapp: „Ja, und?“
Durchdringend fixierte er dabei das Gesicht des Kunstschmiedes mit den Augen, als suche er eine besondere Absicht hinter der belanglos scheinenden Frage.
Der Handwerker wich Matsumuras Blick aus und griff nach dessen Pfeife. Er betrachtete sie eingehend und nahm sie langsam von einer Hand in die andere. Schließlich sagte er: „Ihr seid also Matsumura, der Karate-Meister. Eigentlich habe ich schon lange nach einer Gelegenheit gesucht, Euch zu treffen. Ich habe gehofft, Euch darum bitten zu dürfen, mich Karate zu lehren.“
„Verzeiht, ich bin kein Karate-Lehrer.“
„Wenn Ihr nicht der Karate-Lehrer seid, dann sagt, wer sonst unterrichtet den Herrn oben im Schloss? Es wird kaum einen vollkommeneren, berühmteren Lehrer geben als Euch.“, sagte er. Und mit frechem Grinsen, das auszudrücken schien: „Versuch dich da mal rauszureden“, hob der Kunstschmied wieder seinen Blick, um direkt in Matsumuras funkelnde Augen zu schauen. Missmutig antwortete Matsumura:“Ich war der Karate-Lehrer des Herrn, aber jemand anders wird meinen Platz einnehmen. Ich habe um meine Entlassung gebeten. Um die Wahrheit zu sagen, mich widert alles an, besonders Karate!“
Uehara schaute noch immer direkt in die Augen des jüngeren Mannes und sagte:“Nun, das klingt ja ziemlich merkwürdig. Der Minister für militärische Angelegenheiten, der große Matsumura Sensei, den der Schlossherr so schätzt, wird also aus irgendeinem Grund vom Karate angeekelt. Wenn es dazu gekommen ist, könnt Ihr natürlich Eure offiziellen Pflichten nicht mehr gewissenhaft wahrnehmen.“
„Ich habe keine Pflichten!“ gab Matsumura scharf zurück. „Die Ausübung meiner Pflichten hat mir eine Menge Schwierigkeiten eingebracht.“
„Je mehr ich höre, desto verwirrter werde ich“, entgegnete der Ältere.
„Ich möchte nicht respektlos erscheinen, aber unter jenen, die im Schloss geblieben sind, gibt es kaum einen echten Könner. Wenn Ihr unseren Herrn nicht unterweisen könnt, wer denn?“
„Das ist es ja gerade, warum mir die Dinge aus der Hand geglitten sind. Seine Techniken sind noch nicht ausgereift. Er hat noch einen langen Weg vor sich. Er muss noch viel an sich arbeiten, eine viel höhere Stufe erreichen. Oh, ich hätte ihm so leicht unterliegen können, aber das würde ihm überhaupt nichts nützen. Ich schimpfte mit ihm, verspottete ihn, fragte, ob er wirklich darüber nachgedacht habe, ob seine Angriffe gegen einen echten Gegner effektiv sein würden. Wütend, aber todernst griff er mich mit einem doppelten Fußtritt zum Kopf an.
Die Tritte waren kräftig, das muss man ihm lassen, aber mit einem Doppeltritt einen stärkeren Gegner anzuspringen, ist ein Zeichen von unzureichender Reife.
Lächerlich, dachte ich bei mir. Aber ich entschloss mich, die Gelegenheit zu nutzen, um unserem Herrn eine wohlverdiente Lektion zu erteilen. Ein Karate-Kampf sollte sich nicht von einem Kampf mit echten Schwertern unterscheiden. Es gibt keinen Raum für Gedanken der Art: Wenn ich jetzt versage, kann ich es noch einmal versuchen. Solch eine Einstellung ist mit echter Übung unvereinbar. Leider ging unser Herr immer mit dieser Einstellung an die Übung heran.
Ich beschloss, ihm eine Kostprobe dessen zu geben, was passiert, wenn man versagt. Und deshalb habe ich es ihm gezeigt. Ich trag sein Bein, das auf meinen Kopf zielte, mit meiner Schwerthand und sein zweites Trittbein fegte ich mit einem Unterarmblock beiseite. Er war schon im Fallen, als ich ihn noch einmal mit einem Schlag zum Körper traf und ihn damit durch die Luft schickte. Er landete ungefähr sechs Meter entfernt…“
Ueharas riss die Augen verwundert auf:“Das klingt nach einer etwas rauen Behandlung. Wurde unser Herr verletzt?“
Unbewegt sagte Matsumura:“Ja. Seine Schulter, auf der er landete; seine Hand und das Bein, das ich traf, war stark angeschwollen. Ich glaube nicht, dass er aufstehen konnte.“
„Mann-o-Mann, Ihr habt es ihm wirklich gegeben, nicht wahr? Aber selbstverständlich wurdet Ihr gerügt?“
„Das braucht man nicht extra zu erwähnen, und zwar schlimmer, als Ihr Euch vorstellen könnt. Mir wurde befohlen zu gehen und auf weitere Mitteilungen zu warten.“
„Daran zweifle ich nicht“, sagte Uehara kopfschüttelnd. „Aber es wird wohl nicht lange dauern, bis Ihr zurückgerufen werdet und Euch verziehen wird.“
„Das glaube ich nicht. Unser Herr ist außer sich vor Wut. Schon einhundert Tage sind vergangen und ich habe noch kein Wort gehört. Jemand hat mir berichtet, unser Herr habe gesagt: Matsumura ist äußerst stolz auf seine mäßigen Fähigkeiten. Ich glaube nicht, dass mir jemals verziehen wird. Es wäre besser gewesen, wenn ich nie damit begonnen hätte, Karate zu unterrichten, besser noch, ich hätte es niemals gelernt!“ „Das ist aber eine recht jämmerliche Art die Dinge zu betrachten“, sagte Uehara, und lehnte sich etwas nach vorne. „Ob man´s nun lachend oder weinend verbringt: ein Leben ist ein Leben. Was meint Ihr? Warum mir nicht einen Gefallen tun mit ein bisschen Unterricht? Es kann Eure düstere Stimmung vertreiben.“
In Matsumuras Augen schien etwas einen Augenblick lang zu funkeln.
„Kein Unterricht. Außerdem seid Ihr selbst ein berühmter Kampfkunstexperte. Die Leute nennen Euch Karate-Uehara. Warum wollt Ihr ausgerechnet von mir unterrichtet werden?“
„Es ist keine Frage der Notwendigkeit“, antwortete Uehara ruhig. „Ich dachte nur, es wäre recht interessant, die Lehrmethoden eines berühmten Lehrers aus erster Hand zu erfahren.“
Unter Berücksichtigung der Unterscheide in der sozialen Stellung der beiden war die Sprache des Kunstschmiedes sehr höflich, und dennoch war da noch so ein gewisses Glänzen in den Augen des Kunstschmiedes zu bemerken, das eine völlig andere Haltung verriet.
Obwohl Uehara in den Kreisen von Naha und Shuri als Karate-Experte gut bekannt war, war es für ihn undenkbar, unter dem Lehrer des Schlossherrn zu studieren, und schon gar nicht konnte er Matsumura darum bitten, ihm seine Fähigkeiten zu zeigen, als ob er ein Schüler sei, dem man befiehl, sein Können vorzuführen.
Jung und reizbar, las Matsumura die Absicht in den Augen Ueharas und wurde wütend. „Seid ihr taub! Ich habe doch bereits gesagt, dass ich aufgehört habe zu unterrichten!“
„Schon gut, ich verstehe, dass Ihr mich nicht unterrichten wollt, aber wie wäre es, mir einen Kampf zu gewähren?“
„Einen Kampf? Ihr fordert mich zu einem Kampf heraus?“
„Ganz recht. IN den Kampfkünsten gibt es keinen Unterscheid zwischen reich und arm, hoch und niedrig. Und bedenkt, Ihr seid kein offizieller Lehrer mehr, daher gibt es auch keine Notwendigkeit, eine offizielle Genehmigung einzuholen. Bitte, bleibt dessen versichert, ich habe nicht die Absicht, einen verrückten Tritt auszuführen, der mit einem geschwollenen Bein oder einem plumpen Fall und einer Verletzung meiner Hand endet.“
Als Matsumura mit seiner Antwort zögerte, dränge Uehara weiter. „Stimmt irgendwas nicht? Ihr hab mein Wort, ich habe nicht die Absicht, roh oder brutal zu sein und ich möchte Euch auch keine schweren Verletzungen zufügen.“
Matsumura starrte seinen Herausforderer drohend an. „Uehara, ich weiß nicht, wie gut Ihr im Karate seid, aber Ihr solltet Eure Zunge besser hüten. Eine Herausforderung bedingt einen Kampf auf Leben und Tod. Es gibt da keinen Raum für Betrachtungen darüber, ob jemand Schmerzen erleiden muss oder nicht. Es gibt kein Geschrei oder Klagen. Ich nehme an, Ihr habt alles verstanden.“
„Natürlich ist alles so, wie Ihr gesagt habt. Sei es, wie es will. Ich bin absolut bereit, die Folgen anzunehmen. Wie ist es mit euch Sensei?“
„Nun gut, ich werde Euch Eure Bitte gewähren. Niemand kann vorhersehen wie ein Kampf endet. Man sagt, wenn zwei Tiger kämpfen, wir der eine immer verletzt, der andere aber wird mit Sicherheit sterben. Gewinnen oder verlieren, glaubt nicht, dass Ihr unverletzt davonkommen werdet. Ich überlasse Euch die Wahl von Zeit und Ort.“
Ueharas Stimme wurde plötzlich förmlich. „Ich schätze es überaus, dass Ihr meine Herausforderung schnell entschlossen angenommen habt. Dann werde ich – Euer Einverständnis vorausgesetzt – die Zeit für unseren Kamp auf 5:00 Uhr morgen früh festsetzen. Wir treffen uns auf dem Friedhof am Kinbu Palast.“
Nachdem Matsumura gegangen war, begann Uehara langsam seine Werkstatt aufzuräumen, während er angestrengt über die jetzt entstandene Situation nachdachte. Matsumura ist noch jung, dachte er bei sich, aber er wirkt sehr fähig. Ich frage mich, wie gut er wirklich ist. Sein Ruf ist tadellos, aber wie er unseren Herrn behandelt hat, zeigt, dass er ein aufbrausendes Temperament hat. Soll ich ihn ködern und provozieren? Nein, er ist nicht so unreif oder unerfahren, um auf so etwas hereinzufallen. Die einzige Chance besteht darin, die Initiative zu ergreifen, nach vorn zu springen und ihn zum Angriff zu zwingen. Obwohl er sich mit dieser vorsichtigen Entscheidung eigentlich zufrieden fühlte, bemerkte Uehara, dass sich seine Schultern verkrampft hatten. Er entschloss sich, sie zu lockern.
Er räumte zu Ende auf und schlenderte nach draußen. Mit dem Gesicht zum Haus, schaute er einen Augenblick zur Dachtraufe hinauf. Dann löste er sich mit einem leichten Satz schnell vom Boden und ergriff mit seinen Fingerspitzen das Ende eines Dachsparrens. Es sah aus, als ob er an einer Turnstange hangelte. Mit einem leichten Schwung seines Körpers ließ er eine Hand los, streckte sie aus und griff nach dem nächsten Sparren. So hangelte er sich am Dach entlang von Sparren zu Sparren. Mit affenartigem Geschick umrundete er so ein paarmal das Haus. Ein elastischer Sprung brachte ihn auf den Boden zurück, als die Dämmerung schon hereinbrach und Fledermäuse den Abendhimmel übersäten.
Eine einsame Gestalt eines Mannes schritt die Anhöhe zum Friedhof am Kinbu Palast hinauf. Frische Morgenluft füllte seine Lungen. Tautropfen, die an den Grashalmen hafteten, durchnässten den Saum seiner Robe beim Gehen. Es war Karate-Uehara. Es war noch ein wenig Zeit bis zum Sonnenaufgang und als er ankam, lag der Friedhof noch in ein Halbdunkel gehüllt. „Es muss kurz nach vier sein. Es wird noch ein wenig Zeit sein, bis Matsumura eintrifft. Ich könnte mich eigentlich ausruhen und hinsetzen. Ich glaube, ich werde rauchen.“
Sein Blick suchte nach einem Sitzplatz und glitt über den freien Platz in der Mitte des Friedhofs, als sein Kopf plötzlich in der Bewegung innehielt. Er hatte es zuvor nicht bemerkt, aber da im Schatten einer Baumgrupe saß auf einem großen Felsen inmitten des hohen Grases eine Gestalt, die unablässig in seine Richtung blickte. Unsicher fragte er: „Matsumura Sensei?“
„Ich bin es. Ihr seid früh, nicht wahr?“
„Wie Ihr auch. Ihr seid sehr früh. Ihr habt mich überrascht.“
„Dann braucht es aber nicht sehr viel, um Euch zu überraschen. Ich bin bereit, wann immer Ihr es seid. Oder wollt Ihr lieber bis fünf Uhr warten?“
„Nun ja, das ist mir eigentlich gleich, aber gestattet mir, zuerst noch zu rauchen.“
Uehara ließ sich zu Füßen eines mächtigen Baumes nieder und zog seine Pfeife aus dem Gürtel. Er nahm einige tiefe Züge und genoss den Geschmack des Tabaks während er beobachte, wie der violette Rauch in die kristallklare Morgenluft aufstieg und sich auflöste. Von den Bäumen her konnte er die sanften Melodien kleiner Vögel hören, die füreinander sangen. Für einen langen Augenblick erfreute er sich an der idyllischen Szene.
Schließlich klopfte Uehara sehr bedächtig, fast liebevoll, die Asche aus seiner Pfeife und steckte sie in seinen Gürtel zurück. Er stand auf und sagte: „Nun gut, ich glaube, wir sollten anfangen.“
„Schön“, sagte Matsumura und erhob sich geschmeidig. Noch befanden sich die beiden Männer in einem Abstand von ungefähr neun bis zehn Metern. Mit einer schnellen, gleitenden Bewegung verringerte Uehara den Abstand um die Hälfte. Er senkte seine Hüften ab und nahm eine linke Gedan-Position ein. Aus dieser Stellung heraus studierte er die Stellung seines Gegners.
Matsumura stand noch immer in der Position, die er eingenommen hatte, nachdem er als erster aufgestanden war. Sein linker Fuß zeigte ein wenig nach vor, aber andererseits schien es auch ein ganz gewöhnlicher, natürlicher Stand zu sein. Auffallend war nur die Haltung seines Kopfes. Sein Kinn war leicht gegen seine linke Schulter gelehnt und die scharfen Augen waren weiter als gewöhnlich geöffnet. Uehara fühle sich einen Moment lang unsicher. Was hatte der Mann vor? War dies seine Bereitschaftsstellung? Man sprach davon, dass Matsumura ein großer Meister sein solle, aber auch Uehara hatte einen Ruf, auf den er stolz sein konnte. Da Matsumura in einer solch ungeschickten Position stand, während er Uehara ansah, konnte dies nur zweierlei bedeuten: Entweder er hatte unvorstellbaren Selbstvertrauen oder den Verstand verloren. Uehara beschloss, dass es nur eines geben könne: anzugreifen und seinen Gegner in die Flucht zu schlagen. Aber als er diesen Entschluss fasste, fühle er sich plötzlich von einem Blitz purpurnen Lichts getroffen, das von Matsumuras Augen auszugehen schien. Bevor er wusste, was er tat, hatte er sich schon dreieinhalb Meter zurückgezogen.
Als er wieder auf seinen Gegner blickte, konnte Uehara sehen, dass sich Matsumura nicht bewegt hatte. Er stand noch genau so wie zuvor. Voll Bestürzung bemerkte Uehara, dass ihm der Schweiß auf der Stirn stand und von den Achselhöhlen tropfte. Sein Herz schlug sehr heftig.
„Uehara, stimmt irgendetwas nicht?“
„Ich weiß nicht. Ich fühle mich so eigenartig. Bitte lasst mir einen Moment Zeit.“
Uehara fühlte sich plötzlich sehr schwach. Er kehrte zu dem Baum zurück, unter dem er zuvor gesessen hatte und ließ sich niedersingen. Matsumura, ruhig wie zuvor, setze sich noch einmal auf seine Felsen nieder.
Ueharas Kopf schwirrte von wirren Gedanken. Was um Himmels Willen war los? Ohne auch nur die Hand gerührt zu haben, bin ich schweißdurchtränkt. Und mein Herz…-merkwürdig, sehr merkwürdig. Bevor es ihm bewusst wurde, hatte er seine Pfeife hervorgeholt. Er saß da und zog langsam an ihr. Die Vögel sangen noch immer, aber er konnte sie nicht mehr hören. Er ließ seinen Kopf hängen und starrte unverwandt zu Boden.
„Uehara, die Sonne wird bald aufgehen. Seid ihr noch immer nicht bereit?“
Ohne zu antworten hob Uehara seinen Kopf und schaute zu Matsumura hinüber. Entsetzt registrierte er den Kontrast zu dem von Sorgen gezeichneten, geistesabwesenden jungen Mann, der ihn am Tag zuvor in seinem Laden besucht hatte. Matsumura, dessen Gesicht fast zu strahlen schien, schien ein ganz andrerer Mensch zu sein.
Der Kunstschmied dachte unentwegt nach. Ich sollte mich schämen. Ob technisch oder strategisch, ich beuge mich niemandem, schließlich habe ich mehr Kämpfe auf meinem Konto als jeder andere. Kann ich es mir leisten, gegen diesen Grünschnabel zu verlieren? Von Kampfgeist erfüllt und voller Stolz erhob sich Uehara wieder. „Es tut mir leid, dass Ihr meinetwegen warten musstet. Wollen wir es noch einmal versuchen?“ „Wie ihr wollt. Los!“ Matsumura nahm die gleiche Stellung wie zuvor ein, hatte das gleiche herausfordernde Funkeln in seinen Augen. Entschlossen, diesmal nicht zu versagen, bereitete sich Uehara vor. Aus dem Unterbauch heraus atmend begann er den Abstand zu verkürzen – neun Meter, sieben, fünf, drei…noch ein wenig…und dann - : konnte sich Uehara nicht mehr bewegen! Es war ganz so, als seien seine Füße am Boden festgenagelt worden. Er blickte auf seinen Gegner und sah nur diese Augen! Sie schienen ihn geradezu durchbohren zu wollen.
Er fühlte eine Lähmung in sich aufsteigen, fast war es ihm so, als werde ihm durch Matsumuras Augen der Lebenssaft herausgesaugt. Dennoch hatte er nicht genug Kraft, seinen Blick abzuwenden. Er fühle sich gefangen. Wenn es ihm trotz der Umstände gelänge, beiseite zu schauen, würde irgendetwas Schreckliches auf ihn zukommen. Er war starr wie ein Kaninchen, das im Banne einer Schlange sitzt.
Unfähig, irgendetwas andres als Matsumuras Augen zu sehen, hatte er keine Ahnung davon, wo sich die Hände und Füße seines Gegners befanden oder was sie taten. Dies war gefährlich, eine innere Stimme warte ihn: „Ich kann nichts tun. Ich werde verlieren!“
Ohne Vorstellung, wie er einen Angriff abwehren oder diesem ausweichen konnte, schmolz Ueharas Selbstvertrauen dahin. Verzweifelt nahm er all seine Kraft für einen lauten Kiai zusammen. Das war seine letzte Hoffnung. Diese Reaktion würde den Ausgang von Ueharas letzem, verzweifelten Vorstoß entscheiden. Aber trotz des gewaltigen Kiai tat Matsumura so, als habe er ihn noch nicht einmal vernommen. Er stand ruhig da. Augenblicklich sprang Uehara zurück.
„Stimmt was nicht, Uehara? Warum versucht Ihr nicht anzugreifen? Einfach nur schreien, das ist doch nicht gekämpft.“ Ein ganz leichter Anflug eines Lächelns huschte über Matsumuras Lippen. Er schien beinah fröhlich zu sein, als er auf den erschöpften Gegner herniederblickte.
„Sehr merkwürdig. Ich will nicht aufschneiden, aber noch niemand hat mich zuvor in einem Kampf besiegt!“
„Möchtet Ihr diesen Kampf aufgeben?“
Uehara verschränkte seine Arme und dachte lange und angestrengt nach. Schließlich hob er mit triumphierender Geste den Kopf. „Lasst uns fortfahren. Ich muss weitermachen, bis der Kampf entschieden ist, obwohl er eigentlich schon entschieden ist. Wie es auch kommen mag, wenn ich die Dinge so lasse, wie sie sind, werde ich mein Gesicht verlieren. Mein Leben hat keine Bedeutung mehr für mich. Ich möchte versuchen, Euch noch ein letztes Mal anzugreifen.“
„Gut. Wenn es das ist, was Ihr wollt, kommt und versucht es.“
Uehara richtete sich einen Moment lang auf, machte dann eine plötzliche Verbeugung und flog dann mit der Energie eines Feuerballs und dem Willen, einen massiven Felsen zu zerschmettern, auf Matsumura zu. Jedoch, noch bevor Ueharas massiger Körper in seinen Gegner hineinstieß, löste sich aus Matsumuras Kehle ein gewaltiger Kiai. Dieser war ob seiner Kraft und seines Ausmaßes fast nicht mehr menschlich, er war gleich Donnerhall. Ueharas Beine wurden plötzlich von Krämpfen gepackt, aber da er den Weg des Kriegers beschritten hatte, ignorierte er sie. Er nahm all seinen Mut zusammen und versuchte tapfer seinen Angriff ins Ziel zu bringen. Aber als er zu seinem Gegner aufschaute, begann er trotz aller Beherrschung zu keuchen und er senkte seine Augen zu Boden.
Wie Laubbäume auf einer turmhohen Bergspitze wehte Matsumura Senseis Haar wild im Wind. Hinter ihm stieg die Morgensonne über den Ostwolken auf und umgab seinen Körper mit ihren goldenen Strahlen. Seine glühenden Augen und sein weit geöffneter Mund erinnerten die Fünf Könige des Lichts, die die Dämonen züchtigen.
Wen wundert es, dass der völlig verwirrte Uehara diesem Blick nicht länger standhalten konnte. Schließlich fiel er auf die Knie und sagte aus tiefstem Herzen: „Ich habe verloren. Ich gebe auf.“ Er legte beide Hände flach auf den Boden und verbeugte sich.
„Was ist das? Aufgeben, sagt Ihr? Ihr, Karate-Uehara?“
„Ich habe keine Entschuldigung. Was für ein Narr war ich doch, Euch herauszufordern. Ich habe nun erkannt, wie schwach und unfähig ich bin. Ich schäme mich, jemals darauf stolz gewesen zu sein, Karate-Uehara genannt worden zu sein.“
„Wartet! Gerade habe ich gezweifelt, Euer Kampfgeist und Eure Fähigkeiten sind wirklich groß. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, ich habe noch einen langen Weg zu gehen, um Eure technischen Fertigkeiten zu erreichen.“
„Was ist dann geschehen? Was stimmte nicht mit mir? Ich konnte meine Hände oder Füße nicht bewegen. Ich hatte vor Euren Augen, vor Eurem Gesicht, vor Eurer Stimme schreckliche Angst. Ich konnte keine Feindschaft fühlen, keinen Kampfgeist. Alles was ich fühlte war Furcht.“
„Vielleicht habt Ihr Recht. Stets war Euer Geist mit dem Gedanken an den Sieg erfüllt, während ich mich auf den Tod vorbereitet hatte. Das ist der einzig bedeutsame Unterschied. Bis Ihr mich gestern herausgefordert hab, hatte ich mir über viele Dinge Sorgen gemacht, vor allem und meine Stellung am Schloss. Doch als ich mich entschlossen hatte, Eure Herausforderung anzunehmen, verschwanden plötzlich all meine Probleme. Ich bemerkte, dass ich mir erlaubt hatte, zu sehr an gewissen Dingen zu hängen, und fürchtete, eines von ihnen zu verlieren. Ich hing an meinen Karate-Fähigkeiten und ich hing an meiner Stellung als Lehrer. Ich wünschte in der Gunst unseres Herrn zu stehen. Ich litt an meiner persönlichen Lage.“
„Im Wesentlichen ist der Mensch nur die vorübergehende Ansammlung der Fünf Prinzipien und der Fünf Elemente. Wenn die Zeit erfüllt ist, löst sich diese Form alsbald auf und kehrt wieder zu den Elementen Erde, Wasser, Feuer, Wind und Luft zurück. Wer die Vergänglichkeit aller Dinge erkennt, erkennt auch, dass kein Ich existiert und folglich auch kein Du. Menschen, Gras und Bäume und alles in der Natur sind nur die Ansammlung des einen Geistes, der das gesamte Universum durchdringt. Für den Geist des Universums sind Begriffe wie Leben und Tod bedeutungslos. Wenn man frei von jeder Bindung ist, gibt es keine Beschränkungen oder Hindernisse. Es gibt dann keine Furcht. Das ist alles.“
Die Geschichte dieses Kampfes und die Bewunderung von Uehara für Matsumura verbreiteten sich allmählich. Derjenige, der die Geschichte am häufigsten erzählte, war Uehara selbst. Er schien nie zu müde zu werden sie jedem, den er traf, zu erzählen und er vergaß aus nie hinzuzufügen: „Matsumura ist ei wahrer Meister.“
Es heißt, dass Matsumura kurz darauf offiziell rehabilitiert wurde und wieder in seine Aufgaben im Schloss eingesetzt wurde.




